Caesars Entscheidungen (Martin Jehne)

In der Kette wichtiger Handlungen Caesars lässt sich .. eine Neigung feststellen, die vermeintlich evidenten Sachzwänge zu negieren. In wichtigen Entscheidungssituationen hat er oft eine Option gewählt, die nicht nahelag. Damit hat er den Entwicklungsprozess der römischen Republik zweifellos relevant beeinflusst. Wenn man zu charakterisieren versucht, was denn an den großen Männern, die angeblich Geschichte machen, so ungewöhnlich sein könnte, dann könnte man hierfür abgesehen von den weitreichenden Folgen ihrer Aktivitäten die individuellen Züge ihrer Entscheidungen ins Feld führen, die des Öfteren von dem abwichen, was sich ihnen anbot und wofür sich Normalbürger entschieden hätten. Einem Entscheidungsträger, der sich nur so verhält, wie es die meisten anderen Leute auch tun würden, ist wohl kaum persönliche Größe zuzusprechen. Sieht man also im Ausbrechen aus den Sachzwängen ein Kriterium für Größe, dann war Caesar ein großer Mann. Dass man jedoch mit einer solchen Betrachtungs- und Bewertungsperspektive dem vielfältigen historischen Geschehen nur begrenzt gerecht wird, ist klar. Caesar hat sich nicht vollkommen von seinen Zeitgenossen unterschieden. Auch andere haben sich den Sachzwängen entzogen, und nicht jede Situation war und ist so beschaffen, dass überhaupt eine Option unter den Alternativen deutlich herausgehoben ist. Zwar bin ich der Ansicht, dass Caesar in Bezug auf Risikobereitschaft, Selbstvertrauen und auch politische Geschicklichkeit die meisten seiner Standesgenossen in den Schatten stellte, doch heisst das nicht, dass er als Einiger individuell handelte. Aber zweifellos hatte er zu seiner Zeit den größten Erfolg damit.

Quelle: Der große Trend, der kleine Sachzwang und das handelnde Individuum. Caesars Entscheidungen

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