“Der Neandertaler. Auf den Spuren des ersten Europäers” von Martin Kuckenburg

Von Ralf Keuper

Der Neandertaler hat seit gut hundertfünfzig Jahren ein “Imageproblem”. Fast immer dann, wenn von einer Art die Rede ist, die mangels Anpassungsfähigkeit oder Intelligenz von der Bildfläche verschwand, wird als Beispiel der Neandertaler herangezogen. Will man eine Person oder Personengruppe mit Blick auf ihre geistigen Fähigkeiten herabsetzen, wird gerne eine Beziehung zu dem Neandertaler hergestellt. Woher kommt diese geringe Anerkennung, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen sich dafür ins Feld führen?

Mit dieser Frage beschäftigt sich Martin Kuckenburg in Der Neandertaler. Auf den Spuren des ersten Europäers.

Kuckenburg zeigt darin, dass der Neandertaler als Projektionsfläche für Vorurteile herhalten musste und nicht selten aus Gründen der Besitzstandswahrung vom wissenschaftlichen Establishment instrumentalisiert wurde. Deutlich wird das an dem z.T. erbitterten Streit bei der Frage, ob der Neandertaler ein Vorfahr des heutigen Menschen ist oder quasi nur ein Irrläufer der Evolution war, der von dem überlegenen Homo Sapiens verdrängt wurde. Ende des vergangenen Jahrhunderts sorgten einige Entdeckungen dafür, dass die These, der Neandertaler habe keine Gegenstände hinterlassen, die auf ein hohes Maß geistiger Fähigkeiten schließen lassen, erschütterten. Bei Ausgrabungen in Schöningen und Lehringen in Niedersachsen, konnten die ältesten Jagdwaffen der Welt geborgen werden. Die Exemplare in Schöningen entstanden vor ca. 300.000 Jahren, die in Lehringen vor gut 125.000 Jahren.

Kuckenburg schreibt:

Der an beiden Jagdstätten verwendete unterschiedliche Waffentyp war .. auf die jeweiligen Beutetiere zugeschnitten und resultierte nicht aus einem unterschiedlichen technischen Entwicklungsstand oder Neandertaler- und der Homo-Erectus-Jäger. Bei der Herdenjagd auf kleineres, dünnhäutigeres und dafür schnelläufiges Wild wie Bisons, Wildpferde oder Rentiere werden zweifellos auch die Neandertaler Wurfspeere ähnlich den Schöningern benutzt haben, die in der “klassischen” Kulturphase dieser Altmenschen sogar zum Teil schon mit knöchernen oder steinernen Spitzen bewehrt waren .. .

Bis heute wird darüber diskutiert, ob Neandertaler und Homo Sapiens nebeneinander existiert haben, oder ob sie aufeinander folgten. Weiterhin steht die Frage im Raum, ob die Neandertaler verdrängt oder “auskonkurriert” wurden.

Weit verbreitet ist die Ansicht, dass der Homo Sapiens den Neandertaler dank seiner technologischen, wirtschaftlichen und demografischen Vorteile, die in einer größeren Innovationsfähigkeit mündeten, verdrängt habe. Demgegenüber verweisen andere Forscher darauf, dass es durchaus zu Vermischungen zwischen Neandertaler und Homo Sapiens gekommen sein könnte. Der Beitrag der Neandertaler zum modernen Genpool des Homo Sapiens könnte bis zu 25 Prozent betragen (Vgl. dazu: Genfluss archaischer Menschen zu Homo sapiens).

Kuckenberg hält fest:

Statt des Bräuerischen Milchtropfens wäre das also eher schon ein Capuccino (gemeint der Beitrag des Neandertalers zum modernen Genpool, RK). Und wann man dann noch die gleichfalls nicht mehr auszuschließende Möglichkeit einer Mitbeteiligung der Neandertaler an der Blüte und Ausbreitung des Aurignacien in Rechnung stellt, dann rückt sogar die alte Option wieder in den Bereich des Möglichen, dass diese Ureuropäer niemals vollständig ausstarben, sondern vielmehr kulturell und genetisch in der jungpaläolithischen Bevölkerung Europas aufgingen.

Weitere Informationen:

PaläogenetikFrühe Vielfalt

Neandertaler: Dem modernen Menschen ebenbürtig

Die Neandertaler sind doch unsere Vorfahren

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