Desorientierung und Überinformation im Wissenschaftsbetrieb (Robert Spaemann)

Wo immer der Fortschritt die durch die natürliche Organisation vorgezeichneten Grenzen des Menschen sprengt, hört er auf, Fortschritt zu sein. So gibt es z.B. ein Tempo gesellschaftlichen Wandels, das als solches eine Verschlechterung der menschlichen Lebensqualität bedeutet, nämlich jenes Tempo, das es Menschen unmöglich macht, sich aufs Älterwerden zu freuen, weil sie in der zweiten Lebenshälfte “die Welt nicht mehr verstehen”, also praktisch entmündigt und auf bloßen Konsumentenstatus herabgedrückt werden. Es ist wahrscheinlich, dass die Wissensakkumulation in den nächsten Jahren ebenfalls eine Grenze überschreitet, die durch die natürliche Organisation des Menschen vorgezeichnet ist. Wenn das bisherige exponentielle Wachstum des wissenschaftlichen Wissens nicht aus materiellen Gründen gestoppt wird, dann wird dieses Wachstum bald Ausmaße erreichen, bei denen es niemandem mehr möglich ist, auf irgendeinem Wissenschaftsgebiet irgend so etwas wie “einen Stand der Wissenschaft” festzustellen und sich anzueignen. Auch die perfekteste, mit allen Mitteln der Datenspeicherung ausgestattete bibliografische Institution kann ja nicht das Lesen selbst ersetzen. Wenn es aber nicht mehr möglich ist, wirklich zu wissen, was “man” weiß, d.h. was an potenziellem Wissen zur Verfügung steht, dann ändert dies den Wissenschaftsbetrieb qualitativ. Er wird vermutlich wieder dezentralisiert. “Die Wissenschaft”, das einzige Substrat eines eindeutigen linearen Fortschritts, wird zerfallen. Niemand kann mehr das Bewusstsein haben, “die Wissenschaft” zu fördern. Was er fördert, das ist in erster Linie sich selbst, seine Freunde oder seine Auftraggeber. Ein solcher dezentralisierter, reprivatisierter Wissenschaftsbetrieb aber wird dann auch gegenüber der Öffentlichkeit nicht mehr mit dem einschüchternden Nimbus auftreten können, mit dem er heute noch auftritt.

Quelle: Philosophische Essays

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