Anatomie des Bewussteins (Israel Rosenfield)

Von Ralf Keuper

Anders als die gängige Lehrmeinung, ist der Neurologe Israel Rosenfield der Ansicht, dass neurologische Krankheiten oder Gesundheit nicht ohne Bezug zum ständig wechselnden Körperbild, zum Bewusstsein, zum Sein des Organismus nicht verstanden werden können. Seine Position hat Rosenfield in seinem Buch Das Fremde, das Vertraute und das Vergessene zusammengefasst.

Am Beispiel des Gedächtnisverlusts verdeutlicht Rosenfield seinen Standpunkt:

Der Gedächtnisverlust eines hirngeschädigten Patienten ist nicht der Verlust eines “Bildes” oder einer “Gedächtnisspur” im Gehirn, sondern vielmehr ein Hinweis auf eine Umstrukturierung seiner Beziehung zu seiner Umgebung. Das Gehirn besitzt Meschanismen, mit denen es solche Beziehungen herstellt – das ist letztlich die tiefere Bedeutung der pathologischen Indizien -, und die wichtigste Auswirkung dieser Mechanismen ist das Bewusstsein. Bein einem Hirnschaden verändert sich die Funktion: Bestimmte Hirnprozesse sind nicht mehr möglich, und infolgedessen verändert sich auch das Bewusstsein.

Seine Kernthese:

Kernpunkt meiner Theorie ist die Behauptung, dass die Subjektivität des Wissens – mein Bewusstsein, das Gedanken, Erinnerungen und die sie begleitenden Gefühle mir gehören und dass ich sie zwar ansatzweise beschreiben, aber einem anderen nie wirklich mitteilen kann – durch neurologische Mechanismen entsteht, deren Existenz durch klinische Studien deutlich geworden ist und die von Wissenschaftlern und Neurologen dennoch bis heute nicht zur Kenntnis genommen wurden.

Eine besondere Bedeutung hat der “Selbstbezug”:

Das Bewusstsein entsteht durch den subjektiven Charakter der Reaktionen. Und Subjektivität stammt nach neurologischen Befunden aus der Beziehung zwischen dem dynamischen Körperbild (das selbst eine Reihe einheitlicher Reaktionen ist) und dem dynamischen Fortschreiten einheitlicher Reaktionen auf neue Reize: Diese Selbstbezugsmechanismen sind die Grundlage des bewussten Fühlens und des individuellen Wissens. Sind bestimmte Teile des Selbstbezugs durch einen Gehirnschaden zerstört, dann verändert sich die Struktur des Bewusstseins und damit auch das Wissen.  …

Ein bewusstes Bild, ob es nun durch Erkennen oder Erinnern entsteht, ist demnach das Ergebnis komplizierter europhysiologischer Wechselwirkungen; es vereinigt in sich vergangene und gegenwärtige Erlebnisse einer Person, und sein eigentliches Wesen ist die subjektive, selbstbezogene Qualität. Die auftauchenden und sich ständig entwickelnden Verallgemeinerungen sind ein charakteristisches Kennzeichen der menschlichen Psychologie. Was wir Erfahrung oder Geschichte nennen, ist die endlos fortschreitende Strukturierung von Ereignissen. Wir schreiben die Geschichte um und revidieren die Wahrnehmung unserer Erlebnisse, indem wir unsere Gedanken über Menschen und Ereignisse in unserer Vergangenheit neu strukturieren.

Interessant auch seine Gedanken zur Künstlichen Intelligenz:

Es werden also nicht irgendwo im Gehirn irgendwelche Bilder gespeichert, wie Wernicke vermutet hatte und wie viele Untersuchungen zur Künstlichen Intelligenz auch noch heute annehmen. Im Gehirn gibt es keine Stelle, an der ein festes Bild von Mary, John oder Jane abgelegt ist, und wenn wir an Menschen denken oder uns an sie erinnern, dann geschieht das tatsächlich nie in Form festgelegter Bilder. Man hat behauptet, wenn es schon keine festgelegten Gedächtnisbilder gebe, dann müssten wenigstens die Kategorien des Wissens, die Methoden der Verallgemeinerung fixiert sein, das Gehirn müsse also angeborene Programme enthalten. Wäre diese Annahme richtig, dann würden sich die einzelnen Funktionen oder Programme bei bestimmten Hirnschäden zeigen – und tatsächlich glauben viele Wissenschaftler und Neurologen, sie würden genau das beobachten. Aber Bauds “letzter Samstag” weist nicht auf eine bestimmte Wissenskategorie hin; wir haben keine genaue Vorstellung davon, was er mit diesen beiden Worten gemeint hat. Sie zeigen vielmehr eine allgemeinere Form der Gehirntätigkeit, aus der Bedeutung entsteht, und diese Aktivität – die Wechselwirkung von Reizen im Hinblick auf den Bezugsrahmen des Körperbildes – war beim ihm schwer gestört.

Weitere Informationen:

Israel Rosenfield: Wie die Zeit entsteht. Aspekte der Wahrnehmung

The Science of Perception by Israel Rosenfield

Das Fremde, das Vertraute und das Vergessene. Anatomie des Bewußtseins

Werden Roboter uns ersetzen?

The New York Review of Books

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