Joseph Beuys – Interview („Lebensläufe“)

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„maschinendämmerung. eine kurze geschichte der kybernetik“ von Thomas Rid

Von Ralf Keuper

Wenn heute von Cybersecurtiy, Cyberspace oder Cyberkriegen die Rede ist, dann verweisen diese Begriffe auf eine Wissenschaftsdisziplin, die im Jahr 1948 das Licht der Welt erblickte: Gemeint ist die Kybernetik. Ihr Begründer ist der Mathematiker Norbert Wiener, der 1948 den Aufsatz Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine veröffentlichte. Das Buch zog nach seiner Veröffentlichung große Kreise. Die eigentliche Geburtsstunde der Kybernetik schlug bereits 1947 auf einem interdisziplinären Seminar, dem weitere Zusammenkünfte folgten. Der Teilnehmerkreis setzte sich aus Philosophen, Ingenieuren, Psychologen, Mathematikern und Vertretern weiterer Disziplinen zusammen. Die Kybernetik beeinflusst unser Leben stärker, als es uns für gewöhnlich bewusst ist. Diese Wissenslücke schließt Thomas Rid mit seinem lesenswerten Buch maschinendämmerung. eine kurze geschichte der kybernetik.

Wiener stand während des 2 Weltkrieges in den Diensten des amerikanischen Militärs. Seine Aufgabe war es, der Armee zu einem besseren Luftabwehr-Feuerleitsystem zu verhelfen. Obwohl seine Arbeiten von den Militärs nicht berücksichtigt wurden, legten sie doch den Grundstein für die Forschungen auf dem Gebiet der Kybernetik für die nächsten Jahrzehnte. Wiener sollte im Verlauf der Zeit nur einer der Protagonisten sein. Weitere Pioniere waren Ross Ashby und Gregory Bateson.

Die Grundbegriffe der Kybernetik sind Steuerung und Rückkopplung.

Steuerung bedeutet, dass ein System mit seiner Umwelt interagieren und sie formen kann, zumindest in einem gewissen Maß. Umweltdaten werden durch Input in ein System eingespeist, das wiederum seine Umwelt durch Output beeinflusst. Für Wiener bestand darin der Kern des kybernetischen Weltbilds: „Ich behaupte, dass die physischen Funktionsweisen des lebenden Individuums und die einiger neuerer Kommunikationsmaschinen in ihren analogen Versuchen, die Entropie durch Rückkopplung zu steuern, vollkommen parallel sind (ebd.)

Kein Wunder, dass sich viele Systemtheoretiker von diesen Gedanken angezogen fühlten. Besonders angetan von Wieners Arbeiten war der bereits erwähnte Gregory Bateson. Mit seinem Buch Ökologie des Geistes (Vgl. dazu:Klassiker wieder gelesen) beeinflusste er zahlreiche Intellektuelle und Anhänger der Gegenkultur.

In den 1960er Jahren kam die Befürchtung auf, die Automatisierung könnte die Arbeitskraft des Menschen überflüssig machen. Kybernisierte Systeme könnten, so die Befürchtung damals, mit einer Präzision und Geschwindigkeit arbeiten, die für Menschen unerreichbar sind, so u.a. Donald Michael in seinem Bericht Cybernation. The Silent Conquest. Es drohe, so Michael damals, die Machtübernahme durch die Maschinen, Sinnbilder kybernitisierter Systeme. Auch Hannah Arendt bescheinigte der Kybernetik ein neues Phänomen zu sein. Arendt sah aufgrund dessen veranlasst zu fragen, was die geistige Tätigkeit als solche ist. Fragen wie diese beschäftigen die Wissenschaftler und Philosophen noch heute, wie ein Bericht von der Konferenz The Whole Earth von 2013 zeigt.

Ein begeisterter Anhänger der Kybernetik war übrigens der Begründer der Scientology-Kirche, Ron Hubbard. Wiener war darüber alles andere als erfreut.

Anomalien, predigte Hubbard, waren die Folge schlechter Eingangsdaten. Schlechter Input gleich schlechter Output (ebd.).

Wiener konnte nicht verhindern, dass die Kybernetik von Kreisen okkupiert wurde, welche die Kybernetik zu einem Kult machen wollten. Ein Beispiel dafür ist die Psychokybernetik.

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Kybernetik spielte Steward Brand, der Herausgeber des Whole Earth Catalog. Als besonders inspirierend empfand Brand das bereits erwähnte Buch Ökologie des Geistes. Darin hatte Gregory Bateson u.a. geschrieben:

Der Computer ist nur ein Bogen eines größeren Kreislaufs, der immer einen Menschen und eine Umwelt einschließt, von der Informationen empfangen werden und auf die nach außen tretende Mitteilungen des Computers Einfluss haben.

Mit der Zeit erschienen immer skurillere Personen, die die Kybernetik für sich entdeckten bzw. auf ihre eigene mehr oder weniger originelle Weise interpretierten, wie Timothy Leary. Um zu den ihrer Meinung nach richtigen Denkgewohnheiten zu kommen, griffen Bateson, Leary u.a. zu LSD.

Bewusstseinsverändernde Drogen seien keine Flucht in eine chemisch industrielle künstliche Realität. Die Drogen zögen nicht den Vorhang vor dem Konsumenten zu; sie öffneten ihn. Die chemische Substanz enthülle eine genauere, zutreffendere und gesündere Perspektive auf die Welt. Psychedelika befreiten den Betrachter aus einer ansonsten künstlichen Realität (ebd.).

Mit dem Aufkommen des Personal Computers gesellte sich eine weitere Gruppe zur Schar der Kybernetiker: Die Hacker. Als dann das erste Internet neue Möglichkeiten der Vernetzung erschloss, war der Weg in eine eigene virtuelle Welt, zu der kein Staat und keine Regierung sich Zutritt verschaffen konnte, geebnet: Der Cyberspace wie er in dem Roman Neuromancer und in Wahre Namen entworfen wurde.  Ein weiteres wichtiges Instrument war die Kryptografie. Damit ließ sich der alte (amerikanische) Traum eines vom Staat und von äußeren Eingriffen unbehelligten Landes/Raums verwirklichen

Das erstaunliche mathematische Potential sehr großer Primzahlen garantierte beständige Strukturen in der Unermesslichkeit des neuen Raums, der nunmehr gefahrlos „kolonisiert“ werden konnte. .. (ebd.).

Dieser neue Raum würde auch eine eigene Währung hervorbringen, das sog. Cyber Cash oder mittlerweile auch Kryptowährungen:

Cybercash werde die Fähigkeit des Staates, seine Bürger zu kontrollieren, drastisch einschränken. In naher Zukunft würden sämtliche kommerziellen Transaktionen über das „World Wide Web“ abgewickelt und auf nicht zurückzuverfolgende Weise mit digitalem Bargeld bezahlt werden.

Heute kann man sagen, dass mit digitalen Währungen das genaue Gegenteil möglich ist, nämlich die perfekte Überwachung dank eines offenen Transaktionsprotokolls, das für jeden, auch für den Staat und Nachrichtendienste, einsehbar ist.

Die Kybernetik ist mit den Jahren zu einem Mythos geworden, der noch immer wirksam ist. Es ist fraglich, ob ihr Erfinder, Norbert Wiener, über die Entwicklung der letzten Jahrzehnte glücklich wäre.

Die ganze Vorstellung eines separaten Raums, einer Abriegelung des Virtuellen vom Realen, verkennt ein Grundprinzip der Kybernetik: den Gedanken nämlich, dass Information Teil der Realität ist, dass Input Output beeinflusst und umgekehrt, dass die Grenze zwischen System und Umwelt willkürlich ist (ebd.).

Die Maschinendämmerung, wie Wiener sie prophezeit hatte, ist nicht eingetreten; jedenfalls nicht auf die Weise, die Wiener im Sinn hatte:

Nicht die Maschinen standen im Begriff, die Macht zu übernehmen, der Mythos übernahm die Macht und ließ unsere Erwartungen an unsere digital vernetzte und computergesteuerte Zukunft so verzerrt, fahrig und gelegentlich hysterisch werden wie Palomilla, jene kleine experimentelle Maschine im Peabody Playhouse in Boston (ebd.).

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Der moderne Mensch und die Automation (Franz Klüber)

Von Ralf Keuper

Die Auswirkungen der Automation werden momentan kontrovers diskutiert; sorgt sie dafür, dass der Mensch als Arbeitskraft überflüssig wird, oder aber führt die Automation sogar für noch mehr Beschäftigung?

Der „Vater“ des Begriffs Automation ist John Diebold, der im Jahr 1952 sein Buch Automation veröffentliche, ein Klassiker der Managementliteratur.

Although he was only 26 when he wrote his first book, Automation, published by Van Nostrand in 1952 based on his studies at the Harvard Business School, independent research and ever-persistent curiosity about the whole field of technology, he originated many of the concepts of data processing and utilization that are accepted today in both automation and management. This book was reissued unchanged on its 30th anniversary as a “management classic” by the American Management Association. He is credited with coining the word automation in its present meaning, and had much to do with introducing it to general usage. (Quelle: Wikipedia)

Im Jahr 1957 beschäftige sich Franz Klüber, zum damaligen Zeitpunkt Professor für katholische Soziallehre, in Der moderne Mensch und die Automation. Zum Problem der ethischen Bewältigung des technischen Fortschritts mit den Folgen der Automation für die Gesellschaft und das Individuum. Es ist nicht überraschend, wenn ein kulturpessimistischer Unterton den Aufsatz durchzieht; jedoch wäre es zu einfach, die Gedanken wegen ihres Alters und ihrer Provenienz aus heutiger Sicht als realitätsfremd abzutun. Einige Aussagen regen noch immer zum Nachdenken an.

Es ist ganz offensichtlich, daß er (der Mensch, RK) große intellektuelle Begabungen entwickelt und gewaltige Leistungen vollbracht hat. Indem er aber in dieser Weise auf die Welt zuging und eine bisher nicht gekannte intellektuell-technische Aktivität entfaltete, sind zwar bestimmte menschliche Begabungen stärker und intensiver geworden, andere aber schwächer und stumpfer. Es sind Haltungen und Kräfte, die zum vollen Menschen gehören, verlorengegangen. .. Damit soll folgendes gesagt sein: Zum vollen Menschtum gehört zwar die Aktivität des Zugehens auf die Welt und die Dinge, ihre Beherrschung und Hinordnung auf menschliche Sinngebungen. So verbindet sich der Geist des Menschen mit dem Gegenständlichen der Natur, es entsteht jenes vielschichtige Ganze, das wir Kultur nennen. Je mehr der Mensch solchermaßen Macht über die Natur gewinnt, um so größer sind die Möglichkeiten der Befriedigung von Lebensbedürfnissen, um so reicher und freier kann das Dasein werden. Diese Aktivität muß aber eingefügt bleiben in das Ganze der Person, muß ihr unterworfen und von ihr getragen bleiben. Wenn der Mensch sich an die Dinge verliert, kommt es dahin, daß nicht er der Herrscher der Natur ist, sondern daß er von den Dingen beherrscht wird. Diese Gefahr kann nur gebannt werden, wenn er immer wieder zu sich selbst zurückkehrt und sich sammelt zum Schweigen, zur Ruhe und zur Besinnung. Wahre Kultur beginnt nicht mit dem Zugehen auf die Dinge, sondern mit dem Zurücktreten vor ihnen. Nicht aus der Hast und dem Gedränge, sondern erst aus dem Abstand läßt sich der Sinn der Vorgänge und Apparaturen erkennen, ist Wertvolles von Wertlosem zu unterscheiden. So sichert sich der Mensch die Freiheit und bleibt davor bewahrt, von den Dingen überwältigt zu werden.

Ähnlich wie Hannah Arendt in Vita Activa und zuvor Rudolf Eucken und dessen Schüler Max Scheler in ihren Schriften, stellt Klüber ein ungesundes Übergewicht aktiven Verhaltens der Menschen fest:

Innerhalb der abendländischen Welt ist seit einem halben Jahrtausend das aktive Verhalten beständig gewachsen, es bestimmt das Leben des modernen Menschen, der sich immer mehr an das ausliefert, was um ihn her vor sich geht. Im gleichen Maße verliert er die Kraft zur Besinnung auf sich selbst und damit auch die Fähigkeit, in sich zu stehen, das Ganze zu überblicken und zu beurteilen, zum Sinn der Dinge durchzudringen und Ordnung hineinzubringen. Es liegt auf dieser Linie, daß das rational-technische Wissen des Menschen immer breiter wird und ständig neue Gebiete ergreift, während das Verstehen, das Erfahren von Wesen und Sinn der wissensmäßig beherrschten Sachverhalte schwächer wird. Schon Max Scheler hat auf diese Entwicklung hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht, daß das auf die Beherrschung der Welt gerichtete Leistungswissen, mit dem man „etwas anfangen kann“, zunehmend an Geltung gewinne, während das um den Sinn des Seins und um menschliches Selbstverständnis bemühte Bildungswissen in den Hintergrund trete.

Was echte Kultur von hohem Lebensstandard unterscheidet:

Die gültige Repräsentation dieses falsch verstandenen hohen Lebensstandards ist weithin immer noch eine sogenannte „bessere Gesellschaft“, deren Lebensstil an jener Scheinwelt und Halbwelt im Raum etwa von Monaco und Nizza orientiert ist. Dem Menschen als geistbegabtem Wesen aber steht es zu, die Begriffe hoch und niedrig nicht quantitativ, sondern qualitativ zu verstehen, als Symbole geistiger Beziehungen und Wertordnungen. Unter diesem Gesichtspunkt ist hoher Lebensstandard etwas ganz anderes. Es ist der Lebensstil desjenigen, der Kultur hat: Das ist der Mensch, der in sich selbst steht und mit sich umzugehen weiß; der die durch die Technik bereitgestellten Mittel in seinen Dienst nimmt und ihnen den rechten Platz zuweist.

Merkmale der künftigen Elite:

Eine solche Elite, die ihren Lebensstil vorbildlich und strahlkräftig zu leben weiß, könnte den Menschen aus der Verlorenheit an die Logik von technischer Macht und Apparatur zurückholen und jene Fehlelite ablösen, die sich uns heute noch weithin präsentiert in dem Protzentum charakterloser Parvenüs, in den Skandalen abgeglittener Exmonarchen, in den Launen und Süchten hysterischer Filmstars — die Prototypen der Vermassung und deshalb die bewunderten Vorbilder derer, die Stand und Halt verloren haben. Es wäre eine Aufgabe von Publizistik und Pädagogik, mit der Anerkennung echter Elite dieser Perversion von Elite mit merklicher Ironie und Verachtung zu begegnen.

Damit befand sich Klüber übrigens auf einer Linie mit dem Bankier Siegmund Warburg („High Financier“), von dem der Satz stammt:

Ich hoffe noch auf eine neue Aristokratie, eine neue Elite, zu deren Eigenschaften die Verachtung von Luxus und Ansammlung materieller Güter, die Achtung vor dem Inhalt anstelle des Scheins, der Vorzug der Qualität vor der Quantität, schließlich edle Gesinnung und unabhängiges Urteil gehören müssen (in: Siegmund Warburg. Das Leben eines großen Bankiers von Jacques Attali).

Zur Rolle der Medien:

Wir wissen, welche Rolle Rundfunk, Film, Presse und Fernsehen in der Technik der Massenbeherrschung autoritärer Staaten spielen. Zu diesen schon vorhandenen Mitteln könnte die Automation noch Wesentliches hinzufügen. Inzwischen ist die machine à gouverner bekannt geworden, ein Elektronen-Kalkulator, welcher der Regierung die zu ergreifenden Maßnahmen angibt, durch die in einer bestimmten Situation ein bestimmtes politisches Ziel mit höchstmöglicher Wahrscheinlichkeit erreicht werden kann. In den Vereinigten Staaten wird diese Konstruktion in Teilbereichen der Politik schon mit Erfolg praktiziert: So wurde beispielsweise 1950 die Frage des politischen Reagierens auf die Ereignisse in Korea mit Hilfe eines Elektronen-Kalkulators entschieden, der auf Grund seiner Berechnungen Teilmobilisation vorschlug.

Mit Blick auf das Thema Nudging und die aktuelle Diskussion um den Einfluss der sozialen Medien auf die politische Meinungsbildung gar nicht mal so weit weg.

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„Creare“ – Kurzfilm zur Geschichte der Kreativität

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„Das Ende der Physik. Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie“ von David Lindley

Von Ralf Keuper

Es ist der Traum vieler Physiker: Die Entdeckung einer vereinheitlichten Theorie, welche die Physik, ja die Naturwissenschaften selbst obsolet macht. Von diesem Projekt, das sich bis in unsere Tage zieht, seiner Geschichte und den Erfolgsaussichten berichtet David Lindley in Das Ende der Physik. Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie.

Ausgangsüberlegungen, die der Vereinheitlichten Theorie zugrunde liegen:

Die theoretischen Physiker haben heute eine gewisse Vorstellung davon, wie man starke und elektroschwache Kräfte kombinieren könnte, und hoffen, auch die Schwerkraft schließlich in eine einzige vereinheitlichte Theorie aller Kräfte einzubinden. „Vereinheitlichung“ bedeutet in diesem Zusammenhang, eine theoretische Struktur in mathematischer Form zu schaffen, um die bisher getrennten Theorien unter einen Hut bringen zu können. Vereinheitlichung ist das eigentliche Thema, das Rückgrat der modernen Physik und für die meisten Physiker bedeutet Vereinheitlichung praktisch die Entdeckung einer geordneten, verständlicheren mathematischen Struktur, die bisher getrennte Phänomene miteinander verknüpft.

Ein durch und durch radikales Programm:

Die Vorstellung aufzugeben, dass sich die Physik letztlich auf einen Satz Elementarteilchen und eine Beschreibung der Art und Weise ihrer Wechselwirkung reduzieren lässt, würde bedeuten, eine intellektuelle Tradition aufzugeben, die auf die allerfrühsten Anfänge der Naturwissenschaften zurückgeht; es würde bedeuten, die Naturwissenschaft an sich aufzugeben.

An Versuchen hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt: Quantentheorie, Quarks, Kosmologie und String-Theorie – allein, dem eigentlichen Ziel, der vereinheitlichten Theorie ist man nicht wirklich näher gekommen – im Gegenteil: Die Modelle werden immer abstrakter und nicht selten nur noch durch das Interesse der Forscher, die zu immer neuen Mitteln, manchmal auch Verfahrenstricks (wie zur Einführung der Kosmologischen Konstanten) greifen müssen, um ihre Hypothesen zu retten, am Leben erhalten. Die Welt ist zu komplex, als dass sie sich auf eine Formel bringen ließe:

Es ist die ehrliche Absicht der Physiker, die einfachste Erklärung für alle Phänomen der natürlichen Welt zu finden, die sie finden können, und es spricht für ihren Einfallsreichtum und für die Komplexität der physikalischen Welt, dass sie zu solchen Extremen der Theoretisierung greifen müssten, aber noch immer keine Theorie gefunden haben, die alles erklärt.

Andererseits ist es das unerbittliche Fortschreiten der Physik aus der Welt, die wir sehen und fühlen können, in eine Welt, die nur mittels riesiger und kostspieliger experimenteller Ausrüstung zugänglich ist, in eine Welt also, die nur durch den Verstand allein erleuchtet wird, ein echtes Alarmzeichen. Selbst innerhalb der Gemeinschaft der Teilchenphysiker gibt es einige, die meinen, dass der Trend zu einer immer stärker werdenden Abstraktion die theoretische Physik in eine l’art pour l’art – Mathematik verwandelt, höchst amüsant für diejenigen, die die Technik des Spiels beherrschen und mitspielen können, doch letztlich bedeutungslos, weil die Objekte der mathematischen Bearbeitung auf ewig dem Zugriff durch Experiment und Messung entzogen bleiben.

Auch die Kooperation zwischen Teilchenphysik und Kosmologie hat nicht die erhofften Resultate, d.h. die Formulierung einer Vereinheitlichten Theorie gebracht. Es bleiben immer noch weiße Flecken, die durch Annahmen ersetzt werden müssen, um ein stimmiges Modell zu ergeben, ohne die Gewissheit zu haben, dass man damit dem Ziel einen Schritt näher gekommen ist:

Alle Versuche einer Allumfassenden Theorie stützen sich gegenwärtig auf eine Vielzahl grundlegender Prinzipien und leiden gleichzeitig unter einem Mangel an Details: Die Theorien müssen mit zusätzlichen, verborgenen Dimensionen erweitert werden, dazu kommen Symmetriebrechungen, um einigen Teilchen Masse zu verleihen, anderen aber nicht, und weitere Symmetriebrechungen, um die verschiedenen Teilchenwechselwirkungen zu unterscheiden usw. . Diese Erweiterungen und Ausschmückungen folgen keineswegs automatisch aus irgendeiner der bisher bekannt gewordenen Allumfassenden Theorien, alles muss „von Hand“ zugegeben werden, damit sich eine Theorie ergibt, wie wir sie uns wünschen. Aber gleichzeitig sind diese Details, diese Abweichungen von der ursprünglichen, perfekten Allumfassenden Theorie das einzige, das wir zu messen hoffen können.

Die Allumfassende Theorie bleibt wohl ein unerreichbares, idealistisches Ziel – ein Mythos.

Um des deutlich zu sagen: Die Allumfassende Theorie ist ein Mythos. Ein Mythos ist eine Weltsicht, die innerhalb ihres Bezugsystems sinnvoll ist und für alles rund um uns herum eine Erklärung liefert, die sich jedoch weder überprüfen noch widerlegen lässt. Ein Mythos ist eine Erklärung, mit der jedermann übereinstimmt, weil es bequemer ist, nicht etwa, weil man ihre Wahrheit beweisen kann. Die Allumfassende Theorie, dieser Mythos, bedeutet tatsächlich das Ende der Physik – nicht etwa, weil die Physik endlich in der Lage wäre, alles im Universum zu erklären, sondern, weil die Physik am Ende all dessen angekommen ist, was sie erklären kann.

Weitere Informationen:

Higgs: Das Ende der Physik?

Die Physik steckt in der Krise: Der Traum von der Weltformel ist geplatzt, die neuen Theorien sind kaum mehr überprüfbar. Geht es in der Kosmologie überhaupt noch um Wissenschaft?

Das Ende der Physik – Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie

Neues aus der Quantenphysik: Unser Universum ist ewig

Ey Alter, was geht? Wo hängt der Hammer? Was ist wirklich Phase? 42 oder was?

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Amerikanische Wechselbäder. Beobachtungen und Kommentare aus vier Jahrzehnten (Marion Gräfin Dönhoff)

Von Ralf Keuper

Die amerikanische Politik ist für Europäer, insbesondere für Deutsche, nur schwer zu verstehen bzw. zu akzeptieren. Viele glauben, mit Trump sei der Untergang des Abendlandes nahe. Da ist es irgendwie beruhigend,  Amerikanische Wechselbäder. Beobachtungen und Kommentare aus vier Jahrzehnten zu lesen, welche die ehemalige Herausgeberin der ZEIT, Marion Gräfin Dönhoff, zwischen 1951 und 1983 anfertigte. So neu ist die derzeitige Situation dann doch nicht; die Herausforderungen in der Vergangenheit, man denke an Kennedy/Chrustschow, waren gewiss nicht geringer als heute.

Hier einige charakteristische Passagen:

Juni 1962: Über das angespannte deutsch-amerikanische Verhältnis zu der Zeit:

„Ihr benehmt euch wie eine Frau, die einen immer wieder von neuem fragt: „Liebst du mich auch wirklich?“, meinte James Reston von der New York Times. Und im State Department hieß es bitter: „Was eigentlich berechtigt die Deutschen dazu, unsere Vertrauenswürdigkeit immer wieder in Zweifel zu ziehen? Kann man so miteinander umgehen? Muss das nicht auf Dauer jede Partnerschaft kaputt machen?

Dezember 1968: Die Amerikaner zweifeln an sich selbst. Ratlosigkeit unter den liberalen Intellektuellen

Mir schien, dass die kritische Selbsterforschung, die intellektuelle Ratlosigkeit, der plötzlich entwickelte Sinn für das Tragische, Amerika ganz neue Perspektiven erschlossen hat. Und ich glaube, dass die Verzweiflung, die man in vielen Gesprächen spürt, nicht Schwäche bedeutet, sondern dass ganz im Gegenteil dieses Volk, das so viel Idealismus und so viel ungebrochene Kraft besitzt, um eine Dimension reicher werden wird.

Dezember 1971: Eine Weltmacht wird müde. Die Amerikaner sind es leid, die Last aller anderen zu tragen

Europa und der Nahe Osten werden weiterhin als Interessengebiete erster Ordnung betrachtet; wieweit auch anderwärts der Rückzug gehen mag, sie werden davon nicht betroffen sein. Die Allianz in Europa wird weiter gepflegt. Doch werden die Europäer – das ist das Neue – nun zum erstenmal ihr Schicksal selber in die Hand nehmen müssen. Amerika ist bereit, jeden Vorschlag, der aus Europa kommt, zu prüfen, und es ist auch bereit zu helfen, nur Führung dürfen wir derzeit von Washington nicht erwarten. Amerika ist müde, ist desillusioniert und ohne Vision.

März 1983: Wenn Hysterie die Vernunft übermannt

Wann immer in Amerika wieder eimal die ideologische Phase beginnt, läuft es vielen Europäern kalt den Rücken herunter, weil man nie weiß, wohin dies führt. Aber man sollte einen Trost nicht vergessen: Der Wechsel kommt sicher, und die nächste Phase ist dann wieder von Pragmatismus bestimmt – nur weiß man nie, wie lange es dauert bis dahin.

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Die Aufhebung der Ökonomie (Georges Bataille)

Von Ralf Keuper

In der Ökonomie hat Verschwendung – zumindest in der Lehre – keinen Platz bzw. keinen guten Stand, geht es doch um die effiziente Nutzung der Ressourcen, um daraus einen Ertrag erzielen zu können. In Die Aufhebung der Ökonomie argumentiert Georges Bataille genau anders herum: Für ihn bildet die Verschwendung die Basis der Ökonomie. Er schreibt:

Dass Produktion und Erwerb sekundär sind gegenüber der Verausgabung, tritt am klarsten bei den ökonomischen Einrichtungen der Primitiven zutage, weil der Tausch hier noch als kostspieliger Verlust der abgetretenen Gegenstände empfunden wird: er hat seine Grundlage in einem Verschwendungsprozess, aus dem sich dann ein Erwerbsprozess entwickelt hat. Die klassische Nationalökonomie hat sich den primitiven Tausch immer nur als Tauschhandel vorstellen können, denn sie hatte keinen Grund zu der Annahme, ein Erwerbsmittel wie der Tausch hätte seinen Ursprung nicht im Erwerbsbedürfnis haben können, das er heute befriedigt, sondern in dem entgegengesetzten Bedürfnis nach Zerstörung. Die herkömmliche Auffassung von den Ursprüngen der Ökonomie wurde erst unlängst widerlegt, und zwar vor so kurzer Zeit, dass viele Wirtschaftswissenschaftler den Tauschhandel ungerechtfertigterweise weiter als Vorläufer des Handels hinstellen.

Bataille bezieht sich dabei vor allem auf das Buch Die Gabe von Marcel Mauss. Darin hebt Mauss die Bedeutung des Potlatsch hervor. Auf Wikipedia heisst es dazu:

Bei ihm werden in ritueller Weise Geschenke verteilt oder ausgetauscht. Je wertvoller und erlesener die gereichten Gaben ausfallen, desto bedeutender gilt die Position und Abstammungslinie dessen, der die Geschenke vergeben hat.

Das paradoxe Prinzip des Potlatsch, was die Zuschreibung von Reichtum und Macht betrifft, hebt sich für Bataille bei näherer Betrachtung auf:

Da aber die Früchte des Potlatsch sozusagen schon im voraus für einen neuen Potlatsch vorgesehen sind, ist das archaische Prinzip des Reichtums frei von jenen Abschwächungen, die von der später entstandenen Habgier herrühren: Reichtum ist ein Erwerb, insofern der Reiche Macht erwirbt, aber er ist vollständig für den Verlust bestimmt, insofern diese Macht eine Macht des Verlustes ist. Nur durch den Verlust sind Ruhm und Ehre mit ihm verbunden.

Problematisch an der herkömmlichen Ökonomie sei, so Bataille, dass sie sich auf die Zusammensetzung von Einzeloperationen beschränke, statt das Gesamtphänomen in den Blick zu nehmen:

Der Mensch reduziert in der Wissenschaft ebenso wie im Leben die ökonomischen Aktivitäten auf eine Gegebenheit, die dem Typ der partikularen Systeme entspricht. Die ökonomische Tätigkeit als Ganzes wird in eine Einzeloperation mit begrenztem Zweck gesehen. Man verallgemeinert, indem man einfach das Gesamtphänomen aus den Einzeloperationen zusammensetzt: Die Wirtschaftswissenschaft begnügt sich damit, ein isoliertes Phänomen zu generalisieren, sie beschränkt ihren Gegenstand auf Tätigkeiten, die zu einem bestimmten Nutzen unternommen werden, nämlich zum Nutzen des homo oeconomicus; sie zieht niemals das Kräftespiel der Energie in Betracht, das von keinem partikularen Zweck begrenzt wird: das Spiel der lebenden Materie insgesamt, das von der Bewegung des Sonnenlichts abhängt, dessen Wirkung sie ist. Für die lebende Materie insgesamt ist die Energie auf dem Erdball immer überschüssig, hier muss immer in den Begriffen des Luxus gedacht werden, jeder Unterschied ist immer nur ein Unterschied in der Art der Verschwendung von Reichtümern.

In dem Kapitel Der Krieg als katastrophische Verausgabung der überschüssigen Energie geht Bataille noch einen Schritt weiter:

Diese Überschüsse an lebendiger Kraft, die selbst noch in den armseligsten Wirtschaftsformen zu örtlichen Stauungen führen, sind nämlich die gefährlichsten Faktoren des Untergangs. Daher suchte man zu allen Zeiten, wenn auch unbewusst, fieberhaft nach Möglichkeiten der Entstauung. Die antiken Gesellschaften fanden diese Möglichkeit in den Festen; manche errichteten erstaunliche Monumente, die keinerlei Nutzen hatten; wir verwenden den Überschuss zur Vermehrung der „Dienstleistungen“, die das Leben einebnen, und wir neigen dazu, einen Teil davon in der zunehmenden Freizeit zu absorbieren. Aber diese Ablenkungsmöglichkeiten sind immer unzureichend gewesen: es blieb trotz allem ein gewisses Maß überschießenden Potentials übrig, das zu allen Zeiten Menschenmassen und große Mengen von nützlichen Gütern den Zerstörungen der Kriege ausgesetzt hat.

Die Ausdehnung des Wachstums erfordere, so Bataille, die Umkehrung aller ökonomischen Grundsätze:

Der Übergang von den Perspektiven einer beschränkten zu denen einer allgemeinen Ökonomie wäre in der Tat eine kopernikanische Wende: die Umkehrung des Denkens und der Moral. Wenn von vornherein ein pauschal abzuschätzender Teil der Reichtümer dem Verlust preisgegeben werden muss oder einer unproduktiven Verwendung, die keinen Profit ermöglicht, dann es es notwendig und sogar unvermeidlich, dass Waren ohne Gegenleistung abgetreten werden.

Moderne Gesellschaften bedürften eines Spielraums für nicht profitbringende Operationen. Versuche, die kosmische Energie mit den Mitteln unsere Gesetze und Theorien einzuhegen, gehen am Ziel vorbei. Bateille gibt den Rat:

Weh dem, der darauf beharrt, einer Bewegung, die ihn überschreitet, Herr werden zu können mit dem engstirnigen Vorstellungen eines Mechanikers, der ein Rad wechselt.

In dem lesenswerten Beitrag Der Nutzen der Verschwendung aus dem Jahr 1975 ging Marianne Kesting der Frage nach der Aktualität des Werkes, das im Jahr 1967 erschien, nach. Im Jahr 2010 führte Gerhard Mersmann in Ein seltsam anmutender Paradigmenwechsel in der Ökonomie einen weiteren Aktualitätscheck durch. Verstand man in den 1970er Jahren unter Verschwendung die typischen Merkmale der Wegwerfgesellschaft ist seit der Finanzkrise ein neues Phänomen hinzugekommen. Momentan ist das Geld auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten, wovon in den letzten Jahren vor allem Startups profitiert haben und noch z.T. profitieren. Neue Technologien, wie die Blockchain und Künstliche Intelligenz, versprechen großes (Wachstums-)Potenzial.

Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft hätte es, wenn sich die Künstliche Intelligenz tatsächlich so in unserem Alltag durchsetzten sollte, wie derzeit prognostiziert? Wo bliebe dann die überschüssige Energie, von der Bataille spricht? Wie kann sie sich entstauen, ohne große Krisen herbeizuführen?

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Das neue Versprechen der Künstlichen Intelligenz: Diesmal ist alles anders

Von Ralf Keuper

Der Hype, den das Schlagwort der Künstlichen Intelligenz derzeit auslöst, erinnert ein wenig an den Glaubenssatz einiger Ökonomen, die, wenn die ersten Warnsignale auf das bald bevorstehende Platzen einer Spekulationsblase auftauchen, zu sagen pflegen: Diesmal ist alles anders.

Im Forschungsgebiet der Künstlichen Intelligenz folgten auf Hochphasen bislang immer sog. AI-Winter. Diesmal aber, so der Tenor, sei es anders. In Computer so schlau wie wir in der FAZ vom 13.06.17 schreibt Alexander Armbruster:

Die führenden KI-Fachleute auf der Welt, wie Yann LeChun, Yoshua Bengio oder Geoffrey Hinton versuchen in ihren Vorträgen gleichwohl immer auch, übertriebene Erwartungen einzuhegen. Denn die Künstliche Intelligenz erlebte schon mehrere Hochphasen, die abgelöst wurden von sog. AI-Wintern, von Stagnation. Allerdings überwiegt momentan sicherlich die Hoffnung. Denn die Fortschritte der vergangenen Jahre bestätigen, dass die derzeitige Phase nur ein Anfang von etwas Großem sein kann.

Also erst der Hinweis darauf, dass in der Vergangenheit die hochgesteckten Erwartungen nicht oder jedenfalls nicht wie ursprünglich erhofft in Erfüllung gingen, dann jedoch die keinen Zweifel mehr zulassende Aussage, „dass die derzeitige Phase nur ein Anfang von etwas Großem sein kann“. Dieser Satz ist kaum zu widerlegen – da es durchaus sein kann, dass wir oder nachfolgende Generationen sagen können, damals um das Jahr 2017 war die Startphase für eine neue Zeit. Die Erfahrung mahnt hier jedoch zu etwas mehr Zurückhaltung.

Keine Frage: Die Erfolge, die der Künstlichen Intelligenz in der letzten Zeit gelungen sind, können sich sehen lassen, was auf diesem Blog in Künstliche Intelligenz erobert asiatische Brettspiel Go thematisiert wurde. Zu Beginn des Jahres, so ist in dem erwähnten FAZ-Beitrag zu erfahren, gelang ein weiterer spektakulärer Erfolg, als eine Software mit dem Namen Libratus die vier besten Pokerspieler der Welt besiegte. Armbruster schreibt:

Das Programm konnte offenkundig unvollkommene oder irreführende Informationen wie Bluff sehr korrekt interpretieren – darin unterschied sich dieser Computer-Erfolg von den zuvor erzielten Leistungen in Schach und Go. In diesen beiden Spielen gibt es keine „versteckten Informationen“. „Wir erklärten Libratus nicht, wie man Poker spielt. Wir statteten es mit den Regeln aus und sagten dann: „Bring es dir selbst bei“, kommentierte Noam Brown, einer der beiden Erschaffer von „Libratus“.

Das größte Problem der Künstlichen Intelligenz besteht derzeit darin, das Wissen aus einem Bereich auf einen anderen zu übertragen, wie dem Podcast Künstliche Intelligenz in all ihren Spielarten zu entnehmen ist:

Bei rund 90 Prozent der derzeitigen Lösungen der Künstlichen Intelligenz kann nur von Narrow Artificial Intelligence gesprochen werden, d.h. das Programm ist nur für ein bestimmtes Problem, eine bestimmte Domäne geeignet, worin es besser ist als der Mensch, wie im Schach. Wenn ein AI-Milestone, wie im Go, umfällt, dann so, dass die Menschen sich nicht mehr bewerben müssen, d.h. das Thema wird von der KI bestmöglich abgedeckt. Was diesen Anwendungen jedoch fehlt, ist das Transferwissen, d.h. die Fähigkeit, etwas komplett Neues zu lernen.

Die Frage ist nun, ob Libratus als neuer Meilenstein in dem Sinne gelten kann, dass hier etwas völlig Neues gelernt wurde, da ja die Regeln vorgegeben waren.

Yuan LeCun, der KI-Forschungschef von Facebook, erläutert in einem Interview mit der FAZ in der bereits genannten Ausgabe, warum er der Ansicht ist, dass diesmal alles anders ist:

Der Unterschied zu früheren Hochphasen der künstlichen Intelligenz besteht darin, dass es jetzt eine große Zahl sehr erfolgreicher Anwendungen gibt und ein sehr großes unternehmerisches Geschäft rund um Deep Learning und künstliche Intelligenz. Während der derzeitige Hype, der dieses umfängt, sicher kleiner werden wird, glaube ich daher nicht, dass wir abermals einen „AI-Winter“ erleben werden in der Art, wie wir das in der Vergangenheit taten.

Das klingt plausibel.

Dennoch: Ein Blick in die Vergangenheit, in die Anfänge der Künstlichen Intelligenz, kann einem „irrationalen Überschwang“ entgegenwirken. Im Jahr 1948 berichtete der britische Herald enthusiastisch über eine Maschine, die der Psychiater Ross Ashby über Jahre entwickelt hatte:

Am 13. Dezember 1948 brachte der Herald eine Titelgeschichte mit der Überschrift  The Clicking Brain Is Cleverer Than Man’s. Der Erfinder der Maschine, berichtete die Zeitung, sei zuversichtlich, dass die Maschine eines Tages zu einem künstlichen Gehirn weiterentwickelt werde, „das leistungsfähiger als jeder menschlicher Intellekt“ und dazu in der Lage sei, die schwierigsten politischen und ökonomischen Probleme der Welt in Angriff zu nehmen. (in: maschinendämmerung. ein kurze geschichte der kybernetik, von thomas rid)

Gemessen daran, sind die Ambitionen der heutigen KI-Forscher geradezu bescheiden 😉

Weitere Informationen:

Salesforce’s chief scientist says AI winters are over

Noam Chomsky on Where Artificial Intelligence Went Wrong

AI is still several breakthroughs away from reality

John Brockmans Buch über Denkmaschinen: Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?

Digital Transformation: Interview with Steve Wilson, Digital Identity Innovator & Analyst

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Jacques Derrida on American Attitude

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Heisenbergs Unbestimmtheitsprinzip

Es besagt im Grunde folgendes: Je genauer man versucht, etwas zu messen, desto stärker mischt man sich in das ein, was man gerade misst. Es wäre denkbar, dass sich diese Unbestimmtheit eliminieren ließe, indem man theoretische Vorgaben für die Kollision macht, doch dabei übersieht man, dass der Zusammenstoß den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unterliegt. Der Stoß eines Elektrons mit einem Photon ist nicht mit dem klassischen Stoß zwischen zwei Billardbällen zu vergleichen, den man präzise voraussagen kann, wenn man beide Geschwindigkeiten und Bahnen genau kennt. Beide, Photon und Elektron, werden durch Wellen beschrieben, die eine gewisse räumliche Ausdehnung haben, und wenn diese beiden Wellen in Wechselwirkung treten, kann man nur die Wahrscheinlichkeit für das eine oder andere Ergebnis berechnen. Heisenbergs Unbestimmtheitsprinzip beschränkt keineswegs die Möglichkeit des Wissenschaftlers, die exakte Position des Elektrons herauszufinden; mit Photonen von sehr hoher Energie lässt sie sich so genau wie gewünscht bestimmen. Doch je höher die Energie des eingesetzten Photons ist, desto unsicherer wird das Ergebnis der Kollision. Nachdem das Elektron von einem hochenergetischen Photon getroffen worden ist, kann es mit fast gleicher Wahrscheinlichkeit mit beliebiger Geschwindigkeit in alle möglichen Richtungen davonschießen – das Wissen um die Position des Elektrons wurde auf Kosten des Wissens um seine Geschwindigkeit gewonnen.

Das Unbestimmtheitsprinzip besagt im Grunde, dass man das Wissen um eine Eigenschaft mit dem Nichtwissen um eine andere Eigenschaft bezahlt. 

Quelle: Das Ende der Physik. Vom Mythos der Großen Vereinheitlichten Theorie, von David Lindley

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