Philosophen sollten mehr zweifeln – Grenzen der Hirnforschung

Von Ralf Keuper

Seit geraumer Zeit wecken einige Hirnforscher nicht nur bei Medienvertretern die Hoffnung, dass schon bald die letzten Rätsel des menschlichen Gehirns entschlüsselt sein werden. Insbesondere die Anhänger einer vornehmlich materialistischen Sicht in der Hirnforschung, wie Wolf Singer und Thomas Metzinger, propagieren in verschiedenen Büchern und Interviews, dass der freie Wille des Menschen nichts weiter als eine Illusion eines vermeintlichen Ich sei. Tatsächlich aber falle die Entscheidung zur Ausführung einer Aktion bereits Bruchteile einer Sekunde zuvor im Gehirn. Der Mensch sei daher nur das ausführende Organ des höheren Willens der Neuronen.

In seinem Beitrag Philosophen sollten mehr zweifeln, als Replik auf ein Interview von Thomas Metzinger verfasst, räumt Stephan Schleim, wie vor ihm schon andere, mit den Positionen der Vertreter einer vorwiegend materialistischen und deterministischen Sicht in der Hirnforschung, wie Singer, Metzinger und Roth, auf.

Das scheint um so dringender, da es sich dabei keinesfalls nur um eine Kontroverse innerhalb einer Wissenschaftsdisziplin handelt. Die Ergebnisse der Hirnforschung werden in den Medien häufig nur allzu gerne aufgegriffen, um daraus Schlussfolgerungen abzuleiten, mindestens jedoch sie zu suggerieren. So entsteht in der Öffentlichkeit nicht selten der Eindruck, dass sich die Erkenntnisse der Hirnforschung auf weite Teile des gesellschaftlichen Lebens – mit leichten Einschränkungen – anwenden lassen. Gegen diese eindimensionale Auslegung wendet Schleim ein:

Gesellschaftspolitisch wichtig ist die Frage danach, welche äußeren Zwänge unser Denken und Entscheiden einschränken, etwa geschürte Ängste, scheinbare Sachzwänge, provozierte Erschöpfung oder angebliche Alternativlosigkeit, und welche sie erweitern, etwa Zeit, Recherche oder kritische Prüfung. Diese gerade auch vom humanistischen Standpunkt aus wichtigen Fragen fallen freilich unter den Tisch, wenn man unsere Freiheit nur in Gehirnverschaltungen sucht.

Dreh- und Angelpunkt der meisten Argumentationen aus den Reihen der deterministischen Hardliner in der Hirnforschung ist das mittlerweile schon legendäre Libet Experiment. Anders als von vielen angenommen, sind die Ergebnisse des Libet-Experiments nicht als eindeutige Bestätigung der These, wonach der freie Wille eine Illusion ist, zu verstehen. Streitpunkt hierbei war und ist die Messung des sog. Bereitschaftspotentials:

Libet konnte das Bereitschaftspotenzial nämlich auch dann messen, wenn die Versuchspersonen die Handlung nicht vollzogen. Damit scheidet die gemessene Gehirnreaktion aber von vorne herein als deterministische Ursache der Handlung aus. Dieser von den meisten über Jahrzehnte hinweg ignorierte Aspekt seiner vielfach rezipierten Versuche wurde vor Kurzem von den neuseeländischen Neuropsychologen Judy Trevena und Jeff Miller ausführlich und unter modernen experimentellen Bedingungen untermauert: Das Bereitschaftspotenzial ist allenfalls eine notwendige, mit Sicherheit aber keine hinreichende Bedingung der Bewegungshandlung.

Auch der Fall des Phineas Gage, den Antonio Damasio zum Aufhänger seines Bestsellers Descartes‘ Irrtum gemacht hat, erscheint durch neuere Forschungen in einem anderen Licht:

Auch andere Beispiele für angeblich bahnbrechende neurowissenschaftliche Erklärungen des Menschen werfen Fragen auf: So ist der oft zum Verständnis des „moralischen Gehirns“ herangezogene neurologische Patient Phineas Gage, mit dem nicht zuletzt Antonio Damasio seine Theorie der Somatischen Marker untermauert hat, den historischen Quellen gemäß nicht antisozial, geschweige denn kriminell gewesen. Diese Eigenschaften hat man ihm im Laufe von 170 Jahren immer wieder angedichtet, um seinen Theorien vom „moralischen Gehirn“ mehr Überzeugungskraft zu verleihen. Widersprüchliche Evidenzen wurden konsequent ausgeblendet oder uminterpretiert.

Die häufig in dem Brustton der Überzeugung und mit medialer Unterstützung vorgetragenen Thesen einiger Hirnforscher, lassen das vermissen, was eigentlich der Leitgedanke aller Forscher sein sollte: Der Zweifel. Bei Licht besehen sind die Ergebnisse der Hirnforschung, gemessen an dem Anspruch einiger ihrer wortgewaltigen Vertreter, erstaunlich bescheiden. Hier trifft noch immer die Aussage Karl Poppers zu, dass viele Hirnforscher im Sinne eines Schuldschein-Materialismus argumentieren, was man überspitzt so formulieren könnte:

Wir können unsere These zwar noch nicht vollständig beweisen, es ist aber nur noch eine Frage der Zeit, bis es so weit ist. Bis dahin haben wir allen Grund, davon auszugehen, dass wir richtig liegen. Punkt.

Wer glaubt, dass menschliches Handeln und Denken letztlich nichts als ein Konstrukt des Gehirns oder ein Ergebnis automatisch ablaufender neuronaler Tätigkeiten ist, übersieht, dass der Mensch nicht ohne seine soziale Umwelt und den situativen Kontext untersucht werden kann. Unter Verweis auf einen Bericht des US-Gesundheitsministeriums zur Neurobiologie aus dem Jahr 2013 schreibt Schleim:

Nachdem jahrelang einige Forscher in den Vereinigten Staaten aber auch hierzulande die Idee verkauft haben, man könne die Verbrechens- oder gar Terrorismusbekämpfung durch neurowissenschaftliche Verfahren revolutionieren, drückt sich in dem Bericht die einzig vernünftige Feststellung aus: Dass nämlich die Determinismusfrage nicht im Gehirn endet und das Denken, Erleben und Handeln des Menschen in seinem Kontext gesehen werden muss – und das ist eben vor allem auch die soziale Umwelt.

An diesem Punkt befinden wir uns nach wie vor.

Weitere Informationen:

Neuro-Hype: Einige Anmerkungen zur Hirnforschung

Die Zukunft der Hirnforschung

Hirnforschung: Studien sollen seriöser werden

Neurowissenschaften in der Glaubwürdigkeitskrise

Hirnforschung: Wie frei ist der Mensch?

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