Anmerkungen zur Leitkultur

Von Ralf Keuper

Die Diskussion um die deutsche Leitkultur ist mal wieder entbrannt. Wie nicht anders zu erwarten, ist man sich weitgehend darin einig, dass man sich uneinig ist, was unter einer typisch deutschen Leitkultur zu verstehen ist bzw. ob so etwas überhaupt existiert.

Braucht eine moderne Offene Gesellschaft eine Leitkultur, die mehr oder weniger unverrückbar ist? Wird das der Realität, den Tatsachen und der Lebenswirklichkeit der Menschen überhaupt noch gerecht?

Kann es sein, dass  die Diskussion um die Leitkultur ihre Wurzeln bei den alten Germanen hat?

In Die Religion der Germanen. Götter, Mythen, Weltbild  zeigt Bernhard Maier, dass die Religion bei den Germanen die Funktion hatte, eine (Stammes-)Gesellschaft zu vereinen und nach außen abzuschließen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist ein Satz des isländischen Historikers Ari Progilsson (1068-1148):

Es scheint mir geraten, dass … wir alle ein Recht und eine Sitte haben, denn das wird sich bewahrheiten: Zerreißen wir das Recht, zerreißen wir auch den Frieden.

Maier schreibt dazu:

Wie im antiken Rom erscheint Religion also auch bei den Germanen weniger als eine Sache der individuellen und privaten Überzeugung als vielmehr des gemeinschaftlich und öffentlich vollzogenen Kults, dessen Wirksamkeit man von der inneren Einstellung der Beteiligten unabhängig glaubte. Beachtung verdient der zitierte Satz aber auch deswegen, weil er die Forderung nach einer allgemeinverbindlichen Einheit von Recht, Religion und Politik zum Ausdruck bringt: Da der Kult gemeinschaftlich und öffentlich vollzogen wird, betrachtet man Abweichungen von der überlieferten Religion zugleich als Gefährdungen der staatlichen und politischen Ordnung.

Wäre es möglich, dass der überspannte Staatsgedanke Hegels, wie ihn u.a. Rudolf Eucken und Karl Popper heftig kritisiert haben (Vgl. dazu: Hegel und der Staat – ein deutsches Verhängnis),  eine späte Folge dieses Denkens ist? Gehört der Glaube an den europäischen Superstaat zur selben Kategorie? Auffallend ist, dass der Glaube, die Hingabe an die staatliche Autorität in Deutschland höchst problematisch sein kann; jedenfalls in der Vergangenheit, wovon auch Religionen, wie der Protestantismus, der ansonsten die innere (Glaubens-)Freiheit gegenüber der kirchlichen Autorität in Schutz nimmt, heimgesucht wurden (Vgl. dazu: Protestantische Frömmigkeit birgt in allem Gewissensernst spezifische Gefährdungspotenziale). Wie stark ist die Untertanen-Mentalität, die Heinrich Mann so eindringlich beschrieben hat, auch nach 68, in den Köpfen verankert, so dass der Wunsch nach einer Leitkultur eine logische Konsequenz ist? Selbst der Glaube an den Rechtsstaat als Institution jenseits der Konflikte, ist, sofern wir Ralf Dahrendorf folgen wollen, überzogen:

Für die Verfassung der Freiheit ist die Herrschaft des Rechts weniger wichtig als die Lebendigkeit des Konfliktes. Die liberale Demokratie wird weniger dadurch gefährdet, dass sich ein Politiker etwas außerhalb der Legalität bewegt, als dadurch, dass die Suche nach vorgeblich überparteilichen Instanzen in der Überschätzung von Kaiser und Präsident, Einheit und Großer Koalition, Verwaltung und Recht institutionelle Gestalt annimmt. Weniger missverständlich formuliert: Ohne rechtsstaatliche Grundlage kann auch die Verfassung der Freiheit nicht wirklich werden; aber die rechtsstaatliche Basis allein gewährt die Verfassung der Freiheit nicht. Für sich genommen kann sie vielmehr zum abstrakten Maß werden, das sich nicht nur jedem Herrn zur Bedienung anbietet, sondern auch dann noch autoritäre Wirkungen entfaltet, wenn niemand mehr Herr sein will. Die Demokratie jedenfalls braucht Liberalität dringender als die Moralität. (in: Gesellschaft und Demokratie in Deutschland).

Wie immer wir Leitkultur definieren, wenn sie nicht zu der Haltung führt, wie sie Ernest Gellner in Bedingungen der Freiheit. Die Zivilgesellschaft und ihre Rivalen als charakteristisch für eine funktionierende Zivilgesellschaft beschreibt, dann ist sie m.E. wertlos:

Eine Gesellschaft, die an eine expandierende Technologie gefesselt ist und folglich an eine expandierende kognitive Grundlage, kann ihre Wahrnehmung der Welt nicht verabsolutieren oder einfrieren. Eine solche Gesellschaft bekommt ein Gespür für die Unabhängigkeit der vernunftgemäßen Wahrheit von der Gesellschaft, und es fällt ihr schwer, die Idee einer eindeutigen und endgültigen Offenbarung ernst zu nehmen. Ihre hochentwickelte Fähigkeit zu alternativen Konzeptualisierungen desselben Gegenstands und ihr Gespür für die Trennbarkeit von Sachverhalten macht es ihr schwer oder unmöglich, sich eine Weltsicht zu eigen zu machen, die eine autoritative Zuweisung von Rechten und Pflichten und zugleich die Rechtfertigung solcher Zuschreibung impliziert.

Und weiter:

Die Gesellschaft braucht Wirtschaftspluralismus für produktive Effizienz, und sie braucht gesellschaftlichen und politischen Pluralismus, um exzessiv zentralistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Vor allem aber macht sie sich gesellschaftlichen und politischen Pluralismus zunutze, aber einer besonderen, modularen, ad hoc Art, die den Individualismus nicht erstickt und zugleich als ein Gegengewicht zum Zentrum wirkt. Das Majoritätsprinzip oder repräsentative Institutionen, die die Gleichheit der Bürger durch das gleiche Wahlrecht symbolisieren, stellen einen wichtigen Beitrag dazu dar, aber sie sind nicht das Wesentliche. Wesentlich ist vielmehr die Abwesenheit sowohl eines ideologischen wie eines institutionellen Monopols. Keine einzige Lehre wird geheiligt und exklusiv mit der Gesellschaftsordnung verbunden. Machtpositionen werden turnusmäßig gewechselt wie alle anderen auch und sind nicht mit unmäßigen oder auch nur besonders hohen Belohnungen verbunden.

 

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