„Die grosse Mauer. China gegen den Rest der Welt“ von Julia Lovell

Von Ralf Keuper

Wie ein roter Faden durchzieht die grosse Mauer die Geschichte Chinas. Für Julia Lovell ist sie „das“ Erklärungsmuster, anhand dessen sich die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen des Reiches der Mitte nachvollziehen lassen; daher auch der Titel ihres Buches Die grosse Mauer. China gegen den Rest der Welt.

Entgegen der im Westen weit verbreiteten Annahme, die Große Mauer habe ausschließlich zu Verteidigungszwecken und der Abschottung gedient, sei also vornehmlich aus militärhistorischer Sicht von Interesse, belegt Lovell mehr als einmal, wie korrekturbedürftig diese Auffassung ist:

Das chinesische Reich wird oft so gesehen, als hätte es auf arrogante Weise andere ausgeschlossen, als ein Reich, dessen Stärke in dem Gefühl der Überlegenheit und dessen Schwäche in seinem Mangel an Offenheit und der Abwehr äußerer Einflüsse gelegen habe. Diese Sichtweise lässt die Bedeutung, die Ausländer in der Geschichte Chinas spielten, völlig unberücksichtigt: Während große Zeitspannen seiner Vergangenheit wurde China entweder von Kaisern oder Generälen regiert, die in die Kultur der nördlichen Steppe verliebt waren – Kavallerie, Jurte, Tuniken, Polo – , oder aber von nördlichen Stämmen und ihren Nachfahren. Die Grenzen und Linien, entlang derer Mauern entstanden, änderten sich mit jeder Dynastie: Viele nicht-chinesische Herrscher Chinas bauten, sobald sie das Land unter Kontrolle und die chinesische Mentalität angenommen hatten, Befestigungsanlagen zum Schutz vor anderen Völkern des Nordens.

Im Grunde genommen kommt Lovell in ihrem Buch immer wieder auf diese Ausgangsthese zurück – bis in die Gegenwart.

Trotz ihrer beeindrucken Ausmaße war der militärische Effekt der Großen Mauer marginal. Von größerer Bedeutung ist die Große Mauer jedoch für das Zusammengehörigkeitsgefühl des Reiches, als Symbol für seine technische wie überhaupt kulturelle Leistungsfähigkeit.

Dass der chinesische Sonderweg, der durch die Große Mauer repräsentiert wird, keineswegs an sein Ende gekommen ist, davon ist Lovell fest überzeugt:

Mit diesem Buch habe ich versucht, eine Geschichte des chinesischen Weltbildes zu zeichnen, Chinas Erfolge und Fehlschläge aufzuzeigen und seine Einstellung zur Außenwelt zu erklären. Sie mag verwirrend und widersprüchlich erscheinen .., und trotz Globalisierung, dem Internet und Amerikas Kreuzzug für Freiheit und Demokratie ist eine Veränderung nicht in Sicht. Selbst wenn die Volksrepublik China sich in den nächsten Jahrzehnten nach dem liberalen Modell des Westens .. in eine Demokratie verwandeln sollte, hat das chinesische Reich doch eine zu lange Geschichte und ein zu starkes Geschichtsbewusstsein, um seine jahrtausendealten Marotten aufzugeben. Es wird den Glauben an seine kulturelle und politische Einzigartigkeit sowie das Bedürfnis nach Abgrenzung und rigorosen Grenzkontrollen nicht verlieren und wie in der Vergangenheit weiterhin den stetigen Strom von Besuchern, bewundernden Tributbringern, hoffnungsvollen Händlern und grünäugigen Investoren akribisch kontrollieren. China wird, wie es aussieht, immer eine Große Mauer haben.

Dieser Beitrag wurde unter Geschichtswissenschaften abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.