Die Wandlung der deutschen Kulturidee in weltversöhnlich-demokratische Richtung (Thomas Mann)

Die Gegensätze, die heute Deutschland zerreißen, führen mancherlei Namen und kleiden sich in macherlei Gestalt. Im Grunde und in der Tiefe sind sie nur einer: der Gegensatz von Trotz und Willensaneignung zu versöhnlichem Zugeständnis; die mit bleicher Erbitterung umkämpfte Streitfrage, ob Deutschland auf seinem überlieferten Kulturbegriff beharren oder eine korrigierende, ihn ins Neue hinüberwandelnde Hand daran legen soll. Wir sind zu sehr ein geistiges Volk, als dass wir im Widerstreit von Staatsform und Glauben zu leben vermöchten. Indem es die republikanische Staatsform einführte, war Deutschland nicht “demokratisiert”. Jeder deutsche Konservativismus, jeder Wille die deutsche überlieferte Kulturidee uangetastet zu lassen muss, in politischer Sphäre, die republikanisch-demokratische Staatsform als land- und volksfremd, als unwahr und seelisch wirklichkeitswidrig verwerfen und befehden. Das liegt in der Natur und inneren Konsequenz der Dinge, und ebenfalls liegt darin, dass zur demokratischen Staatsform stehen, an ihre Möglichkeit und Zukunft in Deutschland glauben nur kann, wer die Wandlung der deutschen Kulturidee in weltversöhnlich-demokratischer Richtung für möglich und wünschenswert hält.

Quelle: Kultur und Sozialismus (1927), in: Thomas Mann. Ein Appell an die Vernunft. Essays 1926-1933

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