Ich glaube, dass wir dazu “verdammt” sind, modern zu sein (Octavio Paz)

Ich glaube, dass wir dazu “verdammt” sind, modern zu sein. Das heisst, wir können nicht auf die Technik und Wissenschaft verzichten. Jede Umkehr als Ausweg aus der Sackgasse der Industriegesellschaft ist unmöglich und undenkbar. Das Problem besteht darin, die Technik den menschlichen Bedürfnissen anzupassen, und nicht umgekehrt, wie das bis heute der Fall war. Das ist überaus schwierig, doch die andere Möglichkeit ist fatal: ein allgemeiner Zusammenbruch der Kultur, gegenüber dem das Ende der antiken Welt zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert nur eine bescheidene “Generalprobe” der Katastrophe gewesen wäre. Selbst aus dieser Perspektive betrachtet, ist die Bewahrung der Vielfältigkeit und der Verschiedenartigkeit der Gruppen und der einzelnen eine Präventivmaßnahme. Das Verschwinden jeder Randgesellschaft und jedes ethnischen und kulturellen Unterschieds bedeutet das Verschwinden einer Überlebensmöglichkeit der ganzen Gattung. Mit jeder Gesellschaft, die verschwindet, durch die Industriezivilisation vernichtet oder von ihr verschlungen, verschwindet jede Möglichkeit des Menschen – nicht nur eine Vergangenheit und eine Gegenwart, sondern auch eine Zukunft. Die Geschichte war bis heute vielfältig gewesen: verschiedene Bilder vom Menschen, jedes mit einer anderen Version seiner Vergangenheit und seiner Zukunft. Diese Verschiedenartigkeit bewahren heisst, die Vielfältigkeit der Zukunft bewahren, das heisst, das Leben selbst. 

Die andere große Gefahr, eng verbunden mit der, die ich gerade beschrieben habe, besteht darin, die neue Gesellschaft als eine geometrische Konstruktion aufzufassen. Die verwirklichte Utopie ware ein Graus. Nichts bedrückender als das Leben in dem von Fourier imaginierten Phalanstères. Die Versuchung der Geometrie und der Gleichförmigkeit ist die intellektuelle Versuchung par excellence. Sie ist die Versuchung des Cäsar-Philosophen. Deshalb müssen wir die Besonderheit und die Individualität kultivieren und in Schutz nehmen. Der Mensch hat Zukunft weder im Kollektivismus der bürokratischen Staaten noch in der vom Kapitalismus geschaffenen Massengesellschaft. Jedes System ist, sowohl durch seinen abstrakten Charakter als auch durch seinen Totalitätsanspruch, der Feind des Lebens. Ein in Vergessenheit geratener spanischer Dichter, José Moreno Villa, sagte mit leiser Melancholie:

“In der Symmetrie habe ich die Wurzel von viel Ungerechtigkeit entdeckt”.

Quelle: Der menschenfreundliche Menschenfresser. Geschichte und Politik 1971 – 1980 
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