Raymond Klibansky über die Nachfolger von Max Weber und Ferdinand Tönnies

Ich bewunderte die Soziologie von Weber und Tönnies, aber ich bewunderte sie vor allem, weil diese Soziologen über profunde Geschichtskenntnisse verfügten. Ich stellte fest, dass die nachfolgende Generation in der Soziologie ein Mittel sah, die Geschichte im Lichte bestimmter Begriffe zu bemeistern. Wenn man die Terminologie kannte, wenn man einen bestimmten Begriff benennen konnte, der die Phänomene zu erfassen schien, glaubte man schon, sie zu begreifen. Man ging nicht vom historischen Individuum oder von Fakten, sondern von Begriffen aus. Man subsumierte Ereignisse und Realitäten unter Begriffe, anstatt beim tiefen Wissen um die Einzigartigkeit der Geschichte und der Zeiterfahrung anzusetzen. Man ging von der Universalität der soziologischen Terminologie aus und wandte sie auf die Geschichte an – was in meinen Augen ein völlig falsches Vorgehen war. Mir schienen die Schüler Max Webers den Meister zu verraten.

Quelle. Erinnerung an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges Leroux

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