Seneca über geschäftige Trägheit

Schluss machen müssen wir mit dieser Art Betriebsamkeit, die so viele Menschen zwischen ihren Häusern, den Theatern und Marktplätzen hin und her treibt. Wie sie sich aufdringlich in fremde Angelegenheiten mischen, immer mit irgendetwas beschäftigt scheinen! Tritt einer dieser Zeitgenossen aus dem Haus und du fragst ihn: „Wohin soll’s denn gehen? Was hast du vor? Gleich wird er dir antworten: „Weiß ich wirklich auch noch nicht! Werd schon jemand treffen, mich irgendwie beschäftigen!“. So irren sie ohne festes Ziel umher, verwirklichen nicht bestimmte Pläne, sondern verwickeln sich lediglich in Zufallsgeschäfte. Unüberlegt und vergeblich ist ihr ganzes Tun. Mit emsigen Ameisen könnte man sie vergleichen, die sich ohne Sinn und Ziel die Baustämme hinauf und wieder hinuntertreiben lassen. Mit solchen hat das Leben der meisten Menschen die größte Ähnlichkeit. Mit Fug und Recht könnte man ihr Treiben als geschäftige Trägheit bezeichnen. Es ist rührend zu sehen, wie einige losstürmen, als ob’s irgendwo brennt, jeden der ihnen im Wege steht, beiseite drängen und sich und andere mit sich fortreißen. … Jede Tätigkeit muss doch einen Sinn haben! Ihr Fleiß ist es jedenfalls nicht, der diese Verblendeten so rastlos antreibt, sondern ihre falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit. Ohne eine gewisse Zielvorstellung würde ja auch ihnen der Antrieb fehlen; ihr Geist lässt sich eben von der schönen Außenseite, deren Nichtigkeit er verkennt, anlocken und gefangennehmen. Jeder dieser Pflastertreter treibt sich auf ähnliche Weise und aus völlig nichtigen Anlässen in der Stadt herum. 

Quelle: Seneca. Von der Seelenruhe 

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