Das Gesicht. Eine Kulturgeschichte (Daniel McNeill)

Anatomisch gesehen ist das Gesicht ein Terrain, von dem vieles hinter Schleiern verborgen liegt. Seine äußere Gestalt kündet von sowohl im Urmeer wie in der Savanne entwickelten Technologien, und hinter einzelnen Details verbergen sich interessante Geheimnisse. Warum besitzen unsere Ohrmuscheln im Innern diese merkwürdigen Spiralen? Wieso haben wir Lippen, und wozu sind unsere Augenbrauen und unser Haar gut? Sie leisten uns .. wichtige und großartige Dienste. Die Funktion anderer Teile des Gesichts, wie des Kinns und der Nase, sind jedoch weit weniger leicht zu durchschauen. …

Das Gesicht vermag ungeheuer viel zu signalisieren. Im Leben und in einigen Romanen .. sendet es Botschaften von verblüffender inhaltlicher Tiefe und unendlicher Nuanciertheit aus. Wir stützen uns ständig auf diese Botschaften, ohne es recht zu wollen, da keiner von uns sie wirklich genau zu definieren weiss. Wir lesen eine Sprache, die wir nicht sprechen können, die wir vielleicht nicht einmal bewusst wahrnehmen. Und doch täuschen wir immer wieder bestimmte Signale vor. Täuschung kommt überall in der Kommunikation zwischen Lebewesen vor, selbst Schimpansen verstehen es, mit ihrem Gesicht zu lügen. Das Gesicht ist beides: Wahrheit und Fata Morgana. …

Ein Gesicht wird zu einem richtigen Gesicht, wenn es einen Mund und Sinnesorgane enthält. Vielleicht ist dieses Gebilde sogar älter als Schalen aus Muschelkalk oder Skelette aus Knochen. Genetiker sind der Ansicht, dass vielzelliges Leben vor ungefähr 1,2 Milliarden Jahren entstand, Fossilien von Kreaturen mit harten Körperbestandteilen datieren jedoch erst aus einer viel späteren Periode, sie sind nicht älter als 544 Millionen Jahre. In der gewaltigen Zeitspanne dazwischen krabbelten und huschten Weichkörperorganismen wie die bizarren, federähnlichen Organismen der Ediacara-Fauna auf der Erde umher, ihre Überbleibsel findet man aber nur selten. Das erste Gesicht entstand wahrscheinlich gegen Ende dieser Periode. …

Die Struktur des Gesichts wird von einem Meisterbildner festgelegt: der Suche nach Nahrung. Weil sie fressen müssen, um zu überleben, dominiert das Maul im Gesicht aller Lebewesen, bei Kröten, bei Füchsen, bei Kaimanen und Gnus. Das Maul ist das Portal, durch welches ein Tier die Welt assimiliert und beginnt, sie von Nicht-Selbst in Selbst umzuwandeln. Hier lauern jedoch auch jede Menge Gefahren, Obacht ist von allergrößter Bedeutung. Deshalb stehen drei Wächtersinne in der Nähe des Maules zur Verfügung – der Geschmacks-, der Geruchs- und der Gesichtssinn-, um Gifte rechtzeitig aufzuspüren und Ambrosia von Asche zu unterscheiden. Die Geschmacksknospen befinden sich im Mund, die Nasenöffnung dicht darüber um im obersten Rang sitzen die Augen. 

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