Die Menschen geben sich in Miete (Montaigne)

Die Menschen geben sich in Miete. Ihre Kräfte gehören nicht mehr ihnen, sondern denen, zu deren Sklaven sich sich machen: Nun sind ihre Vermieter bei ihnen zu Hause, nicht sie. Diese allgemeine Bereitschaft zur Selbstaufgabe mißfällt mir. Wir sollten mit der Freiheit unsrer Seele achtsam umgehen und sie bloß in berechtigten Fällen verpfänden; von solchen aber gibt es, recht betrachtet, äußerst wenige.

Seht doch nur, wie die Leute darauf abgerichtet sind, sich vereinnahmen und mitreißen zu lassen! Das geschieht überall, in kleinen Dingen wie in großen; ob es sie selbst betrifft oder nicht, unterschiedslos springen sie ein, wo immer eine Arbeit oder Aufgabe zu erledigen ist – fehlt ihnen diese hektische Betriebsamkeit, sind sie ohne Leben. Sie beschäftigen sich um der Beschäftigung willen, dies aber weniger, als sie nicht stehenbleiben können: wie ein im Fallen befindlicher Stein etwa, der auch auch nicht vorm Aufschlagen einhält.

Für bestimmte Leute ist Geschäftigkeit das Kennzeichen von Kompetenz und Geltung. Ihr Geist sucht seine Ruhe im ständigen Hin und Her – wie Säuglinge die ihre im Schaukeln der Wiege. Sie können von sich sagen, ihren Freunden gleichermaßen dienlich wie sich selber undienlich zu sein. Sein Geld verschleudert niemand an andre, jeder aber seine Zeit und sein Leben. Mit nichts geht man so freigiebig um wie mit diesen – den einzigen Dingen, mit denen zu geizen lobenswert und uns nützlich wäre. 

Quelle: Essais

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