Siegfried Kracauer – Essays, Feuilletons, Rezensionen

Siegfried Kracauers Blick auf die Zeit war nicht nur für seine Zeit ungewöhnlich. In seinen zahllosen Essays, Zeitungsartikeln und Rezensionen zeichnete er die Kulturgeschichte der Weimarer Republik; ein Panorama, das so nur noch Harry Graf Kessler in seinen Tagebüchern gelang.  
Die während der 20er Jahre rasant wachsende Schar der Angestellten, beschrieben in einem seiner berühmtesten Bücher Die Angestellten, war für ihn eine diffuse soziale Mittelschicht, die mit dem Bürgertum nur wenig gemein hatte. Diesen Mangel verspürte Kracauer besonders bei seinen Besuchen in Frankreich. Dort existierte eine selbstbewusste Gesellschaft, die sich auf ein festgefügtes Arsenal von Formen stützen konnte, das auch in Krisenzeiten Halt gab. Die französische Gesellschaft profitierte von den Errungenschaften einer bürgerlichen Revolution, die in Deutschland immer gescheitert war.

Trotz vieler Indizien war das deutsche Verhängnis für Kracauer nicht nur auf den Kapitalismus zurückzuführen. Die Politik der Weimarer Republik war gekennzeichnet von einem Gewurstel, das über kurz oder lang in einer schweren Krise münden musste. Daran konnten auch die Appelle an die Vernunft und die demokratischen Grundwerte, wie sie Thomas Mann in seiner berühmten Deutschen Ansprache vertrat, nichts ändern. Darin forderte Mann das Bürgertum u.a. dazu auf, an der Seite der Sozialdemoktratie zu stehen, die für ihn die einzige politische Kraft im Land war, die den Prinzipien einer bürgerlichen Demokratie am nächsten stand. 

Früh erkannte Kracauer, der auch als Literaturkritiker hohes Ansehen genoss und selber schriftstellerisch tätig war, wie in seinem Roman Ginster, die Bedeutung des Werks von Franz Kafka, das er einem breiten Publikum bekannt machte.  

Kracauer war eine ebenso seltene wie gelungene Mischung aus einem Journalist, Schriftsteller, Philosophen und Soziologen, wie sie eine moderne Gesellschaft immer benötigt. 

Anmerkung: Ganz so selbstbewusst, wie Kracauer meinte, war das französische Bürgertum dann doch wohl nicht, was Julien Green in seiner Schrift Ende einer Welt kurz vor der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland, mit tiefem Bedauern, feststellen musste. 

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