Was ist Erkenntnis? Alexander Kluge im Gespräch mit Jochen Hörisch

Von Ralf Keuper
Alexander Kluge im Gespräch mit dem Literaturwissenschaflter Jochen Hörisch über dessen Buch Tauschen, sprechen, begehren. Eine Kritik der unreinen Vernunft. Der Titel ist eine bewusste Anspielung auf die Kritik der reinen Vernunft von Immanuel Kant. Zentral für die Argumentation von Hörisch sind die Arbeiten und Gedanken des Sozialphilosophen Alfred Sohn-Rethel

Für Sohn-Rethel liegt im Warentausch eine ungeheure Abstraktion. Für ihn ist der Warentausch erkenntniskonstitutiv: Wer Waren tauscht, abstrahiert gleichzeitig. Es gibt keine Wissenschaft, keinen Geist und keine Intellektualität, wenn es die elementare Abstraktion, die im Warentausch steckt, nicht geben würde. 
Unreine Vernunft heisst, dass der Geist vom Geld abgeleitet ist. Die reale Abstraktion ist chronologisch früher, als die denkende. In der Warensprache ist das Zählen wichtiger als das Erzählen. 
Im Gegensatz zu Marx sind für Sohn-Rethel die Distribiution und die Konsumtion, und nicht die Produktion, die die Gesellschaft überformenden Kräfte.  Die Distributions- und Konsumtionssphäre formieren das Bewusstsein. Das Denken ist an den Tausch gekoppelt. 
In der modernen Wirtschaft hat sich die Distributionsshäre verselbständigt, wie in der Finanzkrise 2008 sichtbar wurde. 
Das Problem ist heute nicht die Knappheit, sondern der Überfluss. Trotz Schuldenkrise haben wir einen Überschuss an Geld. Nach wir vor fehlt uns eine funktionierende Geldtheorie. Wir wissen noch immer nicht, was Geld eigentlich ist.
Was die Zukunft Europas angeht, sind Kluge und Hörisch optimistisch. Nicht mehr Zentrum zu sein, abzudanken, hat auch Vorteile. Nach Luhmann lebt es sich am Rande besser als im Zentrum. Könige, die abdanken, leben danach weitaus angenehmer als unter Regierungsbedingungen. Old Europe ist in seine Spätphase eingetreten, die, wenn wir Glück haben, die beste ihrer Geschichte seit der Renaissance werden könnte. 
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Ein Kommentar zu Was ist Erkenntnis? Alexander Kluge im Gespräch mit Jochen Hörisch

  1. "Zur Humanität eines Meisters gehört, seine Schüler vor sich zu warnen."

    Friedrich Nietzsche

    Das schon bekannte "Fürchtet euch nicht" sollte auch heute als Warnung ausreichen:

    Ist eine menschliche Gemeinschaft größer als 150 Individuen (nur bis zu dieser Grenze können sich alle noch gegenseitig kennen), existiert für kein einziges Problem eine wie auch immer geartete "politische Lösung", sondern für alle Zivilisationsprobleme, die eine gemeinsame Ursache haben, gibt es nur genau eine technische Lösung. Diese war vor 3200 Jahren noch unvorstellbar, aber man wusste, dass der Geldkreislauf (Baum des Lebens) nach kurzer Zeit zusammenbricht (Liquiditätsfalle), wenn der Geldverleih (Baum der Erkenntnis) dummerweise nur gegen Zins (Frucht vom Baum der Erkenntnis) erfolgt. Eine noch größere Dummheit ist es, den Zins zu verbieten, denn dann befindet man sich sofort in der Liquiditätsfalle. Wie lässt sich also die Marktwirtschaft (Paradies) "bebauen und bewahren", ohne dass sie ständig vom Privatkapitalismus (Erbsünde) zerstört wird?

    Statt der richtigen Antwort auf die Frage, die in der Theorie längst "kalter Kaffee" ist,…

    (Vorwort zur 5. Auflage der NWO, 1921) "Wenn wir einmal die Natürliche Wirtschaftsordnung erleben, dann braucht man sie nicht mehr in Büchern zu studieren, dann wird alles so klar, so selbstverständlich. Wie bald wird dann auch die Zeit kommen, wo man den Verfasser bemitleiden wird, nicht aber, wie es heute noch geschieht, weil er solch utopischen Wahngebilden nachstrebt, sondern weil er seine Zeit der Verbreitung einer Lehre widmete, die ja doch nur aus einer Reihe banalster Selbstverständlichkeiten besteht."

    …hört man vom "Normalbürger" erst einmal nichts – bis ihm das erstbeste Vorurteil einfällt, um seine "Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion" zu verschieben, denn anderenfalls müsste er ja "über den Rand der Welt fallen" und könnte bis zum Jüngsten Tag (gesetzlich verbindliche Ankündigung der freiwirtschaftlichen Geld- und Bodenreform) mit "dieser Welt" (Zinsgeld-Ökonomie, zivilisatorisches Mittelalter) und allen, die sich noch in religiöser Verblendung (in der Matrix) befinden, nichts mehr anfangen. Wohl dem, der auf Gesellschaft in unaufgeklärter Runde sowieso keinen großen Wert legt.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2015/09/die-idiotie-vom-unverzichtbaren-zins.html

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